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Montag, 6. Oktober 2008

Ein langer Tag...

... neigt sich dem Ende zu. Ebenso der Akku meiner Kamera. Beides wäre im Prinzip kein Problem; allerdings habe ich zum einen meinen Stromadapter in Deutschland gelassen (kann den Akku also nicht laden) und warte darauf, dass das Päckchen mit Nachsendungen bei mir ankommt und ich bin zum anderen geflasht von dem Stress, der sich hier nach ein paar Wochen Studium zu meiner Überraschung nun doch entwickelt. 

Die nächsten Fotos kommen also frühestens in einer Woche, und ich sitze mehr oder weniger Tag und Nacht über meinen Büchern und lese von englischsprachiger Musiktheorie, Musikgeschichte der Renaissance, Neurophysiologie, zeitgenössischen Lerntheorien und der Kunst des kritischen Denkens.

Die gute Nachricht: Ich häbe die Ümläüte äüf meinem MäcBöök gefünden!

Stress

Nach etwa 5 Wochen Studium in den Staaten nehme ich meine Bemerkungen über Langeweile, Unterbeschäftigung und lockeres Leben mit Nachdruck zurück. Wenn der amerikanische Student auch unverhältnismäßig viel für sein Studium zahlen muss, wird den Graduate Students hier einiges abverlangt. Während man in Deutschland für ein Seminar für gewöhnlich eine Hausarbeit und evtl. ein Referat pro Semester vorbereiten und abliefern muss, wird hier jede Woche Bilanz gezogen.

Für jeden Kurs muss ich zwei bis drei Bücher kaufen (natürlich mehr als teuer) und darin pro Woche ein bis zwei Kapitel lesen. Das geht an die Substanz, da die Bücher erstens auf Fachenglisch geschrieben sind und wir zweitens zu jedem Kapitel einen Haufen Fragen beantworten und die Antworten abgeben müssen. Eine Endnote in einem Seminar setzt sich also zusammen aus den wöchentlichen Aufgaben, einem Referat, einer Hausarbeit und - ja! - der mündlichen Beteiligung. Finde ich interessant, zumal die Profs hier verpflichtet sind die Notengebung so transparent wie möglich zu machen. Wer darin scheitert, läuft Gefahr, von seinen Studenten verklagt zu werden...

Konzerte

Ich hab in der Zwischenzeit immerhin schon zwei großen Konzerten beigewohnt. Beides waren College-Orchester, aber die Qualität konnte sich sehen lassen! Vor allem das Yale Symphony Orchestra in New Haven hat mich mit Rimski-Korsakow, Strauß und Vaughan Williams umgehauen. Gigantisch.

Und erst letzten Freitag war dann das hiesige Hartt Symphony Orchestra an der Reihe. Verdi, Sibelius und Tschaikowski. Von letzterem das 1. Klavierkonzert, mit Oxana Yablonskaya (Professorin an der Hartt School) als Solistin. Die gute Frau ist 70, haut einem aber trotzdem die Akkorde um die Ohren, dass es kracht. Ihre Energie war so mitreißend, dass das Publikum fünf Minuten lang Standing Ovations lieferte, bis sie schließlich noch eine Zugabe spielte.

Impro

Vergangenen Mittwoch habe ich die erste komplette Show meiner zukünftigen Improgruppe gesehen. Diesmal noch ohne mich, da wir erst eine Probe gemeinsam hatten. Für mich wäre das kein Hindernis, die Kollegen meinen aber, unsere Stile seien so unterschiedlich, dass wir uns erst noch aneinander gewöhnen müssten. Es macht großen Spaß, mal wieder eine feste Improgruppe zu haben - allerdings vermisse ich bei Stop Laughing Mom eine solide Grundausbildung. Sie sind kreativ und lassen ihren Gedanken freien Lauf; nur rennen sie dummerweise ständig Türen ein, laufen durch Tische, stellen Tassen ins Nichts und dekorieren das imaginäre Bühnenbild am laufenden Band um. Das würde Stehgreif & Guck nach gestrengem Training unter Becherer / Crumbs nicht passieren, da bin ich mir sicher!

Dazu kommt, dass sich die Gruppe auf dem Campus zwar großer Beliebtheit erfreut (ca. 300 Zuschauer pro Show); gleichzeitig lassen sie sich aber eindeutig zu viel vom Publikum gefallen. Wenn in Ladenburg der letzte "Porno"-Rufer vor ca. einem Jahr eines Besseren belehrt wurde, so werden SLM hier bei der Frage nach einem Haushaltsgegenstand von Vibratoren, Dildos, Suppositorien und ähnlichen, ähm, Hygieneartikeln regelrecht erschlagen (wer will, der nehme es wörtlich *g*). Das in den Griff zu kriegen ist nicht einfach, also übe ich schonmal fleißig Barry White-eske Disko-Schnulzen zu improvisieren...

Theorie & Gehörbildung

Ich habe hier zwei Kurse bei zwei brillanten Lehrern, namens Gabor Viragh und Michael Schiano. Beide sind extrem exzentrisch und erreichen einen Großteil des studentischen Wissenzuwachses hauptsächlich durch außergewöhnliche Anekdoten.

Für Musihochschüler: Viragh ist sowas wie der ungarische Zwillingsbruder von Hervé Laclau. Er ist großer Fan von Bartòk, Kurtag und Kodály. Ich lerne hier also Solfège mit movable 'do' und 'la'-based minor. Sehr lohnenswert! Ich frage mich, warum das nicht an der Hochschule angeboten wird.

Schiano wiederum hat es fertig gebracht, mir innerhalb einer einzigen Sitzung die gesamte amerikanische Harmonielehre beizubringen. Seine Analogien zur Sprache sind überaus hilfreich, und er kann so ziemlich jede Harmonieregel anhand von Beispielen aus der Klassik UND aus dem Pop belegen. Momentan riecht bei mir alles nach Leistungsfach Musiktheorie...

Jazz & Klavier

Ich nehme außerdem Stunden bei Pete Woodard, dem Leiter des hiesigen Jackie McLean-Jazz-Instituts. Ursprünglich ein alteingesessener Jazzpianist, und trotzdem fühlt er sich auch bei Chopin, Bach und Liszt pudelwohl. Ideal für mich, wenns um Crossover geht. Momentan übe ich noch meinen letzten Beethoven zu Ende (Sonate in c-Moll, Op. 10 Nr. 1) und bereite mich gleichzeitig auf ein bisschen Kammermusik vor: Die "Picnic-Suite" von Claude Bolling.
Sehr schöne Musik, für Gitarre, Querflöte und Klaviertrio. Diese Musik lebt zu gleichen Teilen von barocker Eleganz wie von dem Drive, den ein Jazz-Klaviersolo im Swing mit sich bringt.

In der Kürze...

Mir wurde übrigens rückgemeldet, dass meine Beiträge hier zu lang sind. Hab mich also mal hingesetzt und den ganzen Kram gelesen, den ich hier bisher so veröffentlicht habe. Mein Urteil: Stimmt!

Ich werde also versuchen öfter mal was zu schreiben. Falls ich das mal nicht schaffen sollte, werde ich mein Geschreibsel einfach in mehrere Beiträge aufteilen, so wie hier. Das ist dann zwar ein rein psychologischer Trick, den bestimmt jeder durchschaut - aber es ist irgendwie trotzdem leichter zu lesen. Wer mir nicht glaubt, der schlage nach:

Walters, Darrel, "The Readable Thesis. A Guide to Clear and Effective Writing". Avocus Publishing, Inc., 1999.